Recht in der EU und die Werbebranche
Ich habe gerade vom c't-Podcast Auslegungssache Folge 165: Europas Datenschutz in Bewegung gehört. Dort sind mir ein paar Punkte aufgefallen, die ich kurz ansprechen möchte. Ich danke auf jeden Fall für die interessante Folge.
"Jugendschutz"
Die derzeitigen Vorstöße, Social Media für Jugendliche unter einer bestimmten Altergrenze zu verbieten, sehe ich hochgradig kritisch. Mit allem, was so an mich durchgesickert ist, kommt mir das wie etwas vor, das durch sehr intensive Lobbyarbeit eben der großen Anbieter getrieben wird. Ich muß dazu allerdings sagen, daß ich nicht sonderlich tief in die Recherche zu Hintergründen eingestiegen bin.
Wie komme ich also zu dieser Ansicht? Alles Begann, daß irgendeine der größeren Plattformen (Insta?) aktiv Werbung dafür machte, solche Initiativen zu unterstützen. Das hat mich zur alten Frage gebracht: Qui bono - wer profitiert davon?
Dann habe ich folgendes Szenario aufgebaut: große Anbieter profitieren extrem davon, wenn sie Daten welcher Art auch immer abgreifen und in ihre Werbeprofile einarbeiten können. Wenn die also aufgrund eines "bedauerlichen Fehlers" neben dem Alter auch Namen, Adresse, Geburtsdatum und biometrisches Foto in den Profilen mitverkaufen können, wir das zu einem Milliardengeschäft.
Gleichzeitig lenkt diese Diskussion davon ab, daß ganz vielleicht Gesetze wie der Digital Services Act einfach einmal angewendet durchgesetzt werden könnten, um Jugendschutz zu garantieren. Beispiele für die Wirksamkeit gibt es hier oder hier, Anforderungen werden hier und hier aufgelistet. Viele weitere Ideen, wie der DSA herangezogen werden kann, gibt es bei der datenschutzfreundichen Suchmaschine eurer Wahl oder bei eurem Local Nerd.
Und wenn nun große Lobbyisten an den Entwurfsarbeiten beteiligt sind, können sie ganz nebenbei dafür sorgen, daß hier Anforderungen getroffen werden, die von kleineren oder gar freien Anbietern schlicht nicht erfüllt werden können. Wenn das durch einen technisch nicht versierten Rat geht, kann das dafür sorgen, daß hier direkt noch unliebsame Konkurrenz ausgeschaltet wird.
Mein Vorschlag, wie eine solche Alterskontrolle umgesetzt werden kann, ist eine, die den Werbetreibenden nicht gefallen dürfte: Es wird vorgegeben, daß mittels Funktionen im neuen Personalausweis lediglich das Alter überprüft werden darf, und dies eben ausschließlich mit der dafür vorgesehenen Funktion, die ausschließlich ein "ja" oder "nein" auf die Frage nach "Ist ein bestimmtes Alter erreicht?" zurückgibt. Und dann darf auch nur gespeichert werden, daß dies abgefragt wurde - nicht einmal mehr, wann. Verboten wird das Erfassen jeglicher anderer Datenpunkte (Geburtsdatum, Name, Adresse, Biometrie/Foto) oder das Auswerten von Bildern, Stimme, etc. mittels KI. Dafür kann die EU dann gerne standardisierte Bibliotheken bereitstellen.
Und dann wird der DSA durchgesetzt. Und dann wird Dauerscrolling verboten.
(Mir fällt gerade auf, ich habe das schon vor einiger Zeit in kurz geschrieben. Mehrfach.)
Werbeindustrie und Do Not Track
Ein weiterer Hinweis in dem Podcast war, daß die Werbeindustrie wohl massiv gegen eine Vereinfachung (im Sinne des Datenschutzes und des Endnutzers) von Cookie-Bannern und Einwilligung vorgeht. Denn wenn auf einmal eine einfache Möglichkeit bestünde, Werbung zu untersagen, würde ja ein milliardenschweres Geschäft kaputtgehen.
Gut so!
Werbung im Internet hat so vieles kaputtgemacht (ja, ich bin in einem werbefreien "Internet" (BTX) groß geworden). Und wenn die ganzen Anreize zur Profilbildung endlich wegfallen, weil Nutzer etwas wie ein Do Not Track aktivieren können, um so besser.
Ich sage: macht Do Not Track zu einer gesetzlichen Vorgabe*, sorgt dafür, daß es in allen Browsern, Betriebssystemen, Software, etc. standardmäßig aktiv sein muß und der Endnutzer aktiv (und freiwillig, aufgeklärt, ...) aktivieren muß, daß er getrackt werden möchte. Soll der ganze SEA&SEO-Mist doch draufgehen. Und wenn doch jemand trackt, hagelt es Strafen. Und wenn jemand so hinterlistig trackt wie Meta das getan hat, hagelt es saftige Strafen.
*Liebe EU, solltest Du das hier lesen: sprich mit Fachleuten, die ohne Lobby auskommen: CCC, Digitalcourage, EFF, FSFE und wie sie alle heißen.
Ach, eines noch. Mit solch einem Flag werden natürlich alle(!) Trackingmechanismen verboten, nicht nur Cookies. Cookies werden ohnehin für ein Tracking oder eine eindeutige Identifikation inzwischen nicht mehr benötigt. (Oh, jetzt würde ich gerne noch einen Rant gegen JavaScript im Internet anschließen oder gegen UXler (niemand braucht Webseiten, die 99% großformatige Bilder sind und 0,01% Informationen liefern!), aber das ist gerade nicht Thema!)