Moderne KFZ - BYD Edition
Sooooodele. Vorabversion. Ich werde hier die Tage noch einige Links und Artikel reinpacken, die dazu passend sind.
Ich hatte im letzten Urlaub das fragwürgide Vergnügen, einen BYD Atto 2 als Mietwagen durch Portugal zu fahren, und möchte ein wenig festhalten, wie das so auf mich gewirkt hat.
TL;DR
Ich hasse moderne KFZ und möchte so etwas nicht haben. Ich möchte auch nicht, daß so etwas auf den Straßen um mich herum fährt.
Langfassung
Die Langfassung dazu folgt natürlich auf dem Fuße. Die Notizen, die ich mir gemacht hatte, waren schon unsortiert, als ich diese erstellt hatte, also versuche ich auch hier nicht, das in eine irgendwie sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Einzige Ausnahme: ich schreibe erst am Ende, was ich positiv empfand.
Fernlicht
Das Fernlicht hatte ein eigentlich nettes Feature: eine Automatik. Wenn es also dunkel ist und niemand entgegenkommt oder vor mir fährt, hat sich das automatisch aktiviert bzw. ausgeschaltet.
Aber zu langsam. Ich habe mehrfach das Licht selbst ausschalten können, bevor die Automatik da eingreifen konnte. Vereinzelt habe ich mich aktiv davon abgehalten, um grob abschätzen zu können, wie lange das Licht andere Menschen blendet, bevor es reagiert. Ich bin auf ca. 3 Sekunden gekommen. Das war eigentlich ganz leicht: wenn ich schon sehe, daß mir ein Auto entgegenkommt, das aber noch durch eine Kurve o.ä. verdeckt ist, habe ich mich entschieden, den armen Menschen zu blenden und dafür Sekunden zu zählen.
Tja. Wie gesagt: 3 Sekunden, bevor da etwas passiert.
Und mitunter wurden gerade Motorräder auch komplett übersehen, egal ob in Fahrtrichtung oder mir entgegenkommend. Und daß natürlich nun Menschen hingehen und sagen: "Ich hab ja ne Automatik, ich muß nix mehr machen."... tja, das ist etwas, das mir den ein oder anderen Vorfall im Straßenverkehr, bei dem ich selbst ewig geblendet wurde, erklärt. Wer läßt solche Features zu?!
Verbesserung
Es gibt durchaus KFZ, die diese Funktion beherrschen und sinnvoll nutzen. Ich habe auch Autos gefahren, in denen durch mehrere Pixel einzelne Bereiche aus der Beleuchtung ausgenommen wurden. Diese Technologie habe ich als durchaus schnell und zuverlässig empfunden, aber auch diese verbesserte Variante ist nicht so schnell, wie ein aufmerksamer Mensch ist, der bereits bevor ein Auto um die Kurve kommt, das Fernlicht ausschaltet.
Bremspedal
Das Bremspedal war extrem unterschiedlich in seinem Ansprechverhalten. Mal hat ein sanfter Druck - gerade beim Ausparken - zu massivem Reinhauen der Bremsen geführt, mal hat selbst starker Druck nur zu einer sanften Verzögerung geführt.
Und nein, es liegt nicht daran, daß ich großartig unterschiedlich stark auf das Pedal gedrückt hätte.
Verbesserung
Das Ansprechverhalten von Bremsen sollte immer identisch sein, wie es zu Zeiten mit einfachen Bremskraftverstärkern (oder gar davor) war. Hier aufgrund irgendwelcher Regeln spontan das Verhalten zu ändern, geht gar nicht.
Attention Assist
pling Bitte achten Sie auf die Straße pling
Wieder und wieder. Egal, ob ich einen Schulterblick mache, in den Außenspiegel schaue, mich auf dem Navi orientiere. Mitunter gar, während ich auf die Straße schaue.
Ich habe das getestet. Der Sensor war links an der A-Säule. Wenn ich den Kopf leicht nach rechts gedreht habe, die Nase auf den Rückspiegel gerichtet, die Augen aber nach vorne gedreht: pling Bitte achten Sie auf die Straße pling. Wenn ich den Kopf um den gleichen Winkel in Richtung Sensor drehe und auch hier die Augen auf die Straße richte, kann ich stundenlang ohne Warnung fahren. Der Sensor scheint also auf die Silhouette zu achten.
Einmal hat mir das Auto 2 Minuten nach Abfahrt gesagt, daß ich ja sooo müde sei und dringend eine Pause einlegen solle. 2 Minuten nach Abfahrt, nach einer langen, ergiebigen, geruhsamen Nacht. Ich war nur froh, daß mich das Auto trotzdem noch hat fahren lassen...
Das eigentliche Problem an dieser Stelle ist aber ein noch ganz anderes: Ich habe recht schnell begonnen, dieses Feature zu deaktivieren, weil mir das Gepiepe gehörig auf die Nerven ging. Bis mir das Auto irgendwann direkt nach dem Start einfach sagte, daß in diesem Modus der Attention Assist nicht ausschaltbar sei. Und ja, ich habe immer nur die gleichen Dinge ausgeschaltet, keine sonstigen Einstellungen geändert. Auf einmal ist das nicht mehr ausschaltbar? WTF?
Eine Fahrt später war es dann wieder ausschaltbar. Und dann habe ich es ausgeschaltet. Und dann habe ich einen Schulterblick gemacht: pling Bitte achten Sie auf die Straße pling.
What.
The.
FUCK!
Ich habe keine Ahnung, was da im Hintergrund passiert ist. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber wenn ich etwas im Menü des Autos einstelle, dann erwarte ich, daß das auch funktioniert. Ausnahmslos. Wenn ich der Klimaanlage sage: geh aus, die Klimaanlage dann aber doch lieber entscheidet, mich schockzufrosten oder whatever, dann bekomme ich Plaque. Und jetzt einmal ernsthaft: wenn ich solchen Einstellungen auf diesem Level nicht trauen kann..... wieso sollte ich dann einem Bremspedal vertrauen können?
Wer sagt mir, daß nicht spontan im derzeitigen Modus die Bremse auf einmal nicht mehr funktioniert?
So etwas darf schlicht nicht auf die Straße. Ende der Diskussion.
Ich habe dann den Rest des Urlaubs regelmäßig den Hinweis, daß der Sensor für Attention Assist "leider" blockiert ist, weggeklickt. Das mußte ich nur 1x je Fahrt machen und das war zuverlässig.
Verbesserung
Keine. Macht keine Innenraumüberwachung von KFZ. Nicht mit Mikros, nicht mit Kameras.
Navigation
Das Auto war mit Google Maps ausgestattet. Und mir Android Auto. Wenn ich mit ersterem gefahren bin, habe ich eine Karte angezeigt bekommen und Turn-by-Turn-Anweisungen gesehen. Mit Android Auto gab es immerhin eine blaue Linie in der Karte, die den geplanten Weg gezeigt hat. Diese kleine blaue Linie bringt mir enorm viel Mehrwert.
Daß ich natürlich keine POIs oder so speichern kann, ohne mich in einem Google-Konto im Auto anzumelden, geht auch gar nicht. Aber hey! - immerhin hatte ich keine Werbung auf dem Display.
Verbesserung
Macht eine blaue Linie, die die geplante Strecke zeigt. Nutzt gute Darstellungen für Karten. Nutzt unabhängige Navis, die auch regelmäßig offline funktionieren (z.B. auf Basis von OpenStreetMap).
Geschwindigkeitserkennung
Ich habe keine Ahnung, wie die Geschwindigkeitserkennung funktioniert hat, ob der GPS und Kartenmaterial oder ob per Schildererkennung. Beides auf jeden Fall extrem unzuverlässig. Und wenn das Auto denkt, daß 5 km/h erlaubt sind, faktisch aber 70 km/h das Limit ist, kommen auch viel zu viele Plings....
Das ist mir übrigens auch in anderen KFZ schon regelmäßig aufgefallen. Da wurde mir in 30er-Zonen 120 km/h als Limit angezeigt. Oder umgekehrt 30 auf Autobahnen. Und Begrenzungen, die nur für eine bestimmte Anzahl an Metern gelten, können die alle nicht.
Und solange die nur Sounds machen, sind die nervig. Wann ist es wohl soweit, daß das Auto dann nicht mehr als 5 km/h auf der Autobahn erlaubt?
Speicherung von Einstellungen
Ja, ich weiß, es gibt diverse Dinge, die nach einem Neustart des KFZ wieder auf den Ausgangswert gestellt werden müssen, gerade bei den ganzen beknackten Assistenzsystemen hat die EU da klare Vorgaben. Dennoch nehme ich das hier auf: Kram wird nicht gespeichert. Auch der Kram nicht, der nicht vorgegeben ist (beispielsweise das Deaktivieren des automatischen Fernlichts). Und das wird besonders nervig, wenn man in ich weiß nicht was für Untermenüs muß, um das alles auszuschalten...
Verbesserung
Ich wünsche mir ein System, mit dem man nach dem Einschalten seine präferierten Einstellungen mit einem Klick wiederbekommt, von mir aus auch mit einem Warnhinweis oder whatever. Nein, eigentlich hätte ich das gerne wie bei Cookies: einmal auf "nö" geklickt, dann darf ich frühestens wieder in einem halben Jahr gefragt werden.
Bildschirme
Alles per Touch ist kacke. Bildschirme, bei denen man die Helligkeit nicht (Hauptdisplay beim Fahrer) oder nur in komischen Untermenüs (mittleres Display) regeln kann, sind nachts gefährlich. Gerade Monitore sind in diesem Fall häßlich (wenngleich ich im Büro gegen Curved wettere).
Wenn dazu noch ein extrem unaufgeräumtes Display kommt, in dem komische und unklare Icons in Massen gezeigt werden (ich habe zwar im Handbuch nachgesehen, aber trotzdem wurde Zeug gezeigt, das ich nicht verstanden habe), wenn dann die Geschwindigkeit nur in Ziffern angezeigt wird (statt als Ziffernblatt mit einem Zeiger, dessen Bewegung und Stand man auch aus dem Augenwinkel wahrnehmen kann), dann kann man das zwar so machen, aber dann ist's halt kacke.
Sounds
Um all die Sounds, die das Auto produziert hat, zu verstehen, muß man schon sehr viel Arbeit investieren. Zig verschiedene Plings und Plongs und Chimes und weißnichtwas. Bis zum Ende konnte ich einige nicht zuordnen. Das Problem an der Kiste ist aber noch ein anderes: durch derart viele Sounds werden Fahrer möglicherweise extrem verunsichert, was das blöde Auto schon wieder von einem will; ich kenne da privat mindestens 2 Exemplare Mensch, bei denen möglichst jeder Sound ausgeschaltet werden muß, weil sie sonst hektisch anfangen, den Fehler zu suchen - während der Fahrt. Und daß das nicht immer gutgehen kann, brauche ich wohl nicht zu erklären.
Lenk- bzw. Spurhalteassisstent
Dieses Teil habe ich tatsächlich auch bis zum Ende nicht verstanden. Mal lenkt der für mich. Mal nicht. Das war ebenfalls egal, ob ich den ein- oder ausgeschaltet hatte. Aber wehe, ich nehme die Hände vom Lenkrad (habe ich nur der Vollständigkeit halber getestet, ich habe klare Vorstellungen davon, wer letztlich bestimmen sollte, wo das KFZ hinfährt, vgl. auch nächster Punkt).
ELKA
Ich zitiere aus https://www.glinicke.de/media/mediathek/book/BYD/Atto_2/byd-atto-2-anleitung.pdf:
Notfall-Spurhalteassistent (ELKA)*
Der Notfall-Spurhalteassistent (ELKA) erkennt die Fahrspurlinien vor Ihnen über eine Mehrzweckkamera und identifiziert Fahrzeuge, die sich von hinten auf den angrenzenden Fahrspuren nähern, über ein mmWave-Radar an der hinteren Ecke. Er kommt innerhalb des Geschwindigkeitsbereichs von 60 km/h bis 150 km/h zum Einsatz, wenn das Fahrzeug aus einer festen Fahrspur herausfährt, einen Fahrbahnrand überquert oder mit angrenzenden Fahrspuren entgegenkommenden oder überholenden Fahrzeugen kollidieren könnte. Das System aktiviert das Elektrische Servolenkung (EPS)-System, um ein Rückwärtsdrehmoment zu erzeugen und das Fahrzeug in der aktuellen Spur zu halten.
Dieses Feature ist, was mich letztlich zum Schreiben dieses Artikels hier veranlaßt hat. In meiner Zeit auf portugiesischen Autobahnen ist das Teil 2 Mal angegangen. In beiden Fällen zu spät. In beiden Fällen mit der falschen Reaktion.
Beim ersten Mal war das eine Situation, wo ein Wagen von rechts auf die Autobahn aufgefahren ist und hinter mir in den Verkehr einscherte, während ich ebenfalls auf diese Spur wechseln wollte. Da war massenhaft Platz, wir hatten einander gesehen.
Der Wagen hat derart abrupt und stark nach links gezogen, daß ich auf einmal in der Spur links von meiner aktuellen Spur war. Und dort kam auch gerade ein Auto! Ja, das ist alles gut gegangen, hat aber mindestens bei mir, meiner Begleitung und dem Auto auf der linken Spur kurzzeitig für Adrenalin gesorgt.
Ein Auto hat mir nicht in die Lenkung einzugreifen. Never. 🤬
Notbremsassistent
Tjo. Wenn man so ein Feature hat, ist es schon schwierig, das richtig zu machen. Ein früherer Leihwagen (Ford S-MAX iirc.) hat vor Jahren mitten auf offener und freier Strecke eine Vollbremsung hingelegt, weil er den plötzlichen Anstieg der Fahrbahn anscheinend fehlinterpretiert hatte. Dieses Auto hier hat das Gegenteil gemacht: nix. Kein Warnung, kein Hinweis - vor allem aber kein Bremsen. Und das wurde am Stauende wirklich knapp. Da gibt es so viele Warnungen und Eingriffe - wenn es drauf ankommt, passiert nix. Kann auch nicht richtig sein. Und daß bei einem Versuch von mir, einen Radfahrer zu überholen (ja, 2m Abstand habe ich mir auch in Portugal auf der Landstraße genommen), das Auto auch auf einmal eine Vollbremsung hingelegt hat, ist immerhin Beweis, daß ein System verbaut ist.
Positiv: Abstandshalteautomatik
Die Abstandshalteautomatik mit Geschwindigkeitsregelung war tatsächlich sehr angenehm. Man kann einstellen, wie viele Sekunden man Abstand halten möchte - 1 bis 4. Und bei 4 Sekunden Abstand ist Fahren wirklich sehr entspannt. Der Wagen hat sogar bis zum vollständigen Stillstand abgebremst, was im Stadtverkehr durchaus nett ist (auch wenn man dann selbst wieder anfahren mußte, was ich auch vollkommen ok finde).
Fazit
Ich möchte keine Assistenten, die halbgar implementiert sind.
Ich möchte keinerlei Möglichkeit, daß über irgendwelche Internetverbindungen auf die Fahrelektronik zugegriffen werden kann; andersherum möchte ich, daß die Systeme der Fahrelektronik in einem separaten Netzwerk im Auto sind, und daß dort keinerlei Verbindung außer über einen Stecker im Innenraum möglich sein soll (die Protokolle dafür aber sollen offengelegt sein müssen).
Ich möchte keine Abhängigkeiten, SBOMs oder Supply-Chain-Attacken.
Ich möchte keine Datenschutzprobleme.
Ich möchte nicht, daß andere Menschen mit derart unzuverlässigen KFZ auf den Straßen fahren.
Ich möchte kein modernes KFZ.